
Die Mutterkirche in Boston, Massachusetts, USA"Christian Science" ist die von Mary Baker Eddy festgelegte Bezeichnung für die Wissenschaft des metaphysischen Heilens, die den biblischen Heilungen zugrunde liegt und die heute wie damals wirksam ist. Die deutsche Übersetzung dieses Namens lautet "die Christliche Wissenschaft".
Mary Baker Eddy gründete die Kirche Christi, Wissenschafter, um "die Worte und Werke unseres Meisters in Erinnerung zu bringen und dadurch das ursprüngliche Christentum und sein verlorengegangenes Element des Heilens wiedereinzuführen." (Handbuch Der Mutterkirche)
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© Zweite Kirche Christi, Wissenschafter, München 2006
Das Anwesen der Familie Baker in Bow, Geburtsort von Mary Baker Eddy. Longyear Museum, Chestnut Hill, mit freundlicher Genehmigung1821 Mary Baker Eddy wurde auf einer Farm in Bow, New Hampshire, einem Neuengland-Staat Nordamerikas, als jüngstes von sechs Kindern von Mark und Abigail Baker geboren. Die Familie lebte nach strenger puritanischer Tradition.
1843 Ehe mit dem Bauunternehmer George Washington Glover, der ein halbes Jahr später verstarb.
1844 Rückkehr ins Elternhaus und Geburt des Sohnes George, den sie 1851 wegen ihrer schon seit früher Kindheit bestehenden schlechten Gesundheit zu Pflegeeltern geben musste und von dem sie 1856 gänzlich getrennt wurde.
bis 1866 Wegen wiederkehrender Gesundheitsprobleme Experimente mit zahlreichen konservativen und alternativen Heilmethoden der Zeit. Keine von ihnen fand Eingang in die Christliche Wissenschaft (Christian Science), aber sie führten sie zu der Erkenntnis, dass die Ursache jeder Krankheit mentaler Natur ist.
1853-73 Zweite Ehe mit dem Zahnarzt Daniel Patterson; Scheidung 1873, weil Patterson sie verlassen hatte. Häufiger Wohnortwechsel und schwere gesundheitliche und finanzielle Not.
Mary Baker Eddy, Kupferstich von J.A.J. Wilcox um 1880, Longyear Museum, Chestnut Hill, mit freundlicher Genehmigung1866 Am 1. Februar schwere Verletzung nach einem Sturz. Am 4. Februar unerwartete, augenblickliche und vollständige Genesung, nachdem sie sich in ihrer Not gewohnheitsgemäß an die Bibel gewandt hatte und dabei eine neutestamentliche Heilung in neuem Licht erkannte.
1866-75 Vertieftes Bibelstudium, erste Aufzeichnungen dazu; sie begann, andere durch Gebet zu heilen und die Christliche Wissenschaft zu lehren; sie schrieb Wissenschaft und Gesundheit (Science and Health) (1875 in erster Auflage erschienen).
1866-1910 Mary Baker Eddy widmete sich der Gründung und Etablierung der Christlichen Wissenschaft, die sich schnell in Amerika und anderen Ländern auszubreiten begann; sie organisierte ihre Bewegung als Laienkirche mit Hauptsitz in Boston und legte deren Regierung im Handbuch Der Mutterkirche fest.
1877-82 Dritte Ehe mit Gilbert Eddy, der 1882 verstarb.
1879 Kirche Christi, Wissenschafter (Church of Christ, Scientist), in Boston gegründet.
1883 Erste Ausgabe des Journal of Christian Science.
1894 Mary Baker Eddy bestimmte die Bibel und Wissenschaft und Gesundheit zum Pastor ihrer Kirche.
1898 Erste Kirche Christi, Wissenschafter, Hannover, gründete sich als erste deutsche Zweigkirche.
1898 Erste Ausgabe des Christian Science Weekly, ab 1899 umbenannt in Christian Science Sentinel.
1903 Erste Ausgabe der deutschen Monatszeitschrift Der Herold der Christian Science.
1907 "Next friends suit" (Prozess der sogenannten engsten Freunde, die von der New York World gegen Mary Baker Eddy aufgestachelt wurden, ohne zu wissen, dass die Zeitung einen Skandal zur Auflagensteigerung inszenieren wollte). Er zerschlug sich im gleichen Jahr.
1908 Mary Baker Eddy gründete die Tageszeitung The Christian Science Monitor.
1910 Sie starb im Alter von 89 Jahren.
(erstellt in Anlehnung an Robert Peel: Mary Baker Eddy. 3 Bde. New York 1966-77)
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Auswahl aus den zahlreichen Veröffentlichungen über Mary Baker EddyAls Gründerin einer inzwischen weltweit etablierten christlichen Religion, Autorin, Heilerin und führende Denkerin ihrer Zeit erweckt Mary Baker Eddy (1821-1910) immer wieder aufs Neue Interesse.
Mary Baker Eddy wuchs in einer strenggläubigen Familie im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire auf. Obwohl sie den großen protestantischen Geistlichen ihrer Kindheit zeitlebens Hochachtung entgegenbrachte, regte sich früh ihre intuitive Rebellion gegen die calvinistische Prädestinationslehre (Lehre von der Vorherbestimmung des Menschen zur ewigen Seligkeit oder zur Verdammnis durch Gott) ebenso wie gegen die in der christlichen Kirche allgemein gebilligte Resignation vor der Existenz des Bösen. Sie hatte eine tiefe Liebe zur Bibel, die sie beständig studierte und in der sie immer wieder Trost und Linderung fand.
Wegen ihrer langjährigen schlechten Gesundheit war sie häufig in ärztlicher Behandlung. Auf der Suche nach Gesundheit wandte sie sich an die verschiedensten Heilmethoden, wobei die Homöopathie und der Quimbyismus ihre besondere Aufmerksamkeit erweckten. Später schrieb sie über die Homöopathie:
"Die Metaphysik, wie Christian Science sie lehrt, ist der nächste eindrucksvolle Schritt über die Homöopathie hinaus. In der Metaphysik verschwindet die Materie vollständig aus dem Heilmittel und GEMÜT* nimmt seinen rechtmäßigen und über allem stehenden Platz ein."
(Mary Baker Eddy: Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 156)
Ganz entgegengesetzt entwickelte sich ihre spätere Einstellung zum Quimbyismus. Phineas Parkhurst Quimby war ein mentaler Heiler in Portland, Maine (USA), dessen Behandlungsmethoden eine Abwandlung des Hypnotismus Franz Anton Messmers darstellten. Während ihrer etwa dreijährigen Bekanntschaft fand ein reger Gedankenaustausch statt.
Mary Baker Eddy ca. 1882. © 1974 Longyear Museum, Chestnut Hill, mit freundlicher GenehmigungMary Baker Eddy fand vorübergehende Erleichterung ihrer Beschwerden, war aber vor allem von Quimbys Hypothesen fasziniert, seine Heilmethode sei dieselbe wie die von Jesus und Krankheit beruhe auf vom Patienten gehegten falschen Anschauungen. Das kam ihrer eigenen Erwartung an die heilende Botschaft der Bibel ebenso wie den Erfahrungen aus ihren homöopathischen Experimenten entgegen.
Erst später konnte sie den radikalen Unterschied zwischen christlichem Heilen durch ein klareres Erkennen des Menschen als Widerspiegelung Gottes und sogenanntem mentalen Heilen durch suggestive Beeinflussung erklären. In ihrem Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft verbindet sie den Versuch, durch menschliche Mentalität zu heilen, mit dem Glauben an esoterische Magie. Sie verwirft die ganze Bandbreite dieser Praxis und folgert:
"Jeder Versuch, die Sterblichen durch das irrende sterbliche Gemüt zu heilen, statt sich auf die Allmacht des göttlichen GEMÜTS zu verlassen, muss fehlschlagen."
(Mary Baker Eddy: Wissenschaft und Gesundheit, S. 459)
Seiten aus Mary Baker Eddys Manuskript zum 1. Kapitel Mose. The Mary Baker Eddy Library mit freundlicher Genehmigung1866 erlebte sie eine plötzliche Heilung von einer schweren Verletzung nach einem Sturz auf eisglatter Straße. Auf diese sie tief bewegende Erfahrung führte sie seitdem ihre Entdeckung der Christlichen Wissenschaft zurück. Was sie in einem Augenblick der Offenbarung erkannte, zog Jahre des Nachsinnens und des intensiven Bibelstudiums nach sich, um das geistige Neuland, das sie betreten hatte, zu erforschen. Sie hatte die Gewissheit, den "Tröster" gefunden zu haben, den Jesus prophezeite:
"Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe."
(Johannes 14: 26)
Zu dieser Zeit begann sie auch, andere durch Gebet zu heilen, darunter schwerste und von Ärzten aufgegebene Fälle. Heilungen betrachtete sie als den notwendigen Praxistest für die Richtigkeit ihrer Lehre. Ein anderer wichtiger Beweis lag darin, dass diese Fähigkeit von jedem, der sich aufrichtig darum bemühte, erlernt werden konnte. Die Zahl ihrer Schüler wuchs beständig.
Bibel und Lehrbuch mit Christian Science Vierteljahresheft, zum Studium der Bibellektionen1875 erschien ihr Lehrbuch Wissenschaft und Gesundheit, dessen Titel später um den Zusatz mit Schlüssel zur Heiligen Schrift erweitert wurde. (Es liegt inzwischen in 16 Sprachen und auf englisch auch in Blindenschrift vor.) Mary Baker Eddy war bewusst, dass die Ideen dieses Buches göttlichen Ursprungs sind, aber vor ihr lag die große Aufgabe, sie allen Menschen zu allen Zeiten authentisch zugänglich zu machen.
Sie gründete ihre Kirche als eine Laienkirche, in der die Bibel und Wissenschaft und Gesundheit die Aufgabe des Pastors übernehmen. Anhand der von Der Mutterkirche - The First Church of Christ, Scientist, in Boston - zentral herausgegebenen Bibellektionen führte sie das tägliche Studium dieser beiden Bücher ein. Sie lassen das eigene Leben ebenso wie globale Ereignisse im Kontext von Gottes Wort erscheinen.
Mary Baker Eddy gab Christlichen Wissenschaftern die Möglichkeit, an einem zweiwöchigen intensiven Studium ihrer Religion bei einem ausgebildeten Lehrer teilzunehmen, das sie befähigen sollte, selbst heilend tätig zu werden. Sie gehören danach der Schülervereinigung dieses Lehrers an, um die Erinnerung an das Gelernte wach zu halten und zu vertiefen.
Die Erstausgabe des Journal of Christian Science, 14. April 18831881 eröffnete sie das Massachusetts Metaphysical College (das erste und einzige College seiner Art), das Lehrer der Christlichen Wissenschaft ausbildete - eine Aufgabe, die später dem Unterrichtsrat Der Mutterkirche übertragen wurde.
Die Organisation und Mission ihrer Kirche legte sie dauerhaft im Handbuch Der Mutterkirche fest. Es bindet die Mitglieder an christliche Disziplin, beschreibt die Einrichtungen und Aufgaben Der Mutterkirche und ihrer Zweige und regelt das Miteinander auf allen Ebenen. Für Entscheidungen und Wahlen in den Zweigkirchen sieht es den Weg der demokratischen Abstimmung vor, während Die Mutterkirche durch einen Vorstand mit weitgehenden Kompetenzen vertreten wird.
Frühe Ausgabe des Christian Science Sentinel1883 gründete sie die erste Zeitschrift ihrer Bewegung das Journal of Christian Science. Es folgten zwei weitere Zeitschriften, zuerst der Christian Science Sentinel und 1903 als erste fremdsprachige Ausgabe Der Herold der Christian Science.
Im gleichen Jahr bat Mary Baker Eddy ihre Anhänger, die ihr gegenüber gerne verwendete Bezeichnung "Mutter" abzulegen und sie stattdessen "Führerin" zu nennen, - nicht weil sie die persönliche Kontrolle ihrer Kirche oder Anhänger anstrebte, sondern um ihre bleibende geistige Führerschaft durch ihre Schriften hervorzuheben.
Mary Baker Eddys ganzes Vorgehen in ihren letzten Lebensjahren zeigt, wie sehr ihr die Zukunft und Reichweite ihrer Kirche am Herzen lagen, - einer Kirche, die für die universalen Menschenrechte und das allgemeine Wohl aller Menschen eintritt.
Die erste Ausgabe des Christian Science Monitors, 23. November 1908Im Alter von 87 Jahren gründete sie die Tageszeitung The Christian Science Monitor. Sie hatte bereits in ihrem Lehrbuch zu Fragen der Gleichberechtigung von Mann und Frau, alten und neuen Formen der Sklaverei, Moral und Abstinenz von Tabak und Alkohol Stellung genommen. Das soziale, politische und kulturelle Geschehen interessierte sie ebenso wie Aspekte der Ethik. Sie erkannte dabei das Potential der Christlichen Wissenschaft, den Standard des Denkens und Handelns zu heben. Der konstruktive Journalismus des Monitors schärft das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Welt und erweitert allen, die für die Welt beten wollen oder geistige Perspektiven schätzen, den Horizont. (Er erhielt bisher sieben Pulitzerpreise, die letzten beiden 1996 für die internationale Berichterstattung und 2002 für seine Karikaturen.)
Mary Baker Eddy entwarf ihre Kirche nicht "auf dem Reißbrett". Jeder neuen Phase gingen Schicksalsschläge, innere Kämpfe, Intrigen oder Gerichtsverfahren voraus, die den Verlust ihrer Mission oder den Untergang der Christlichen Wissenschaft hätten bedeuten können. Jede Regel und jede Einrichtung dieser Kirche trägt daher eine besondere Botschaft oder Bestimmung in sich, und alle zusammen machen die unteilbare Vollständigkeit der Christlichen Wissenschaft aus. Mary Baker Eddy verlieh dem Christentum neue Autorität, den Themen der Zeit zu begegnen.
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Unter den vielen Stätten, an denen das Volk Israel Gott verehrte, nahm der Tempel in Jerusalem eine Sonderstellung ein. Im Allerheiligsten dieses Tempels befand sich die Bundeslade - in der englischen Bibel auch "Arche Gottes" genannt - mit den Gesetzestafeln, die als Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel galt. Der Tempel wurde in biblischen Zeiten gebaut, zerstört, wieder aufgebaut, geplündert, einem fremden Gott geweiht, neu eingeweiht und wieder zerstört. In Kenntnis dieser wechselhaften Geschichte verlieh Jesus Christus dem Wort Tempel eine neue Bedeutung, die weit über konventionelle Vorstellungen hinausging.
Aus der ersten bekannten Äußerung des zwölfjährigen Jesus, der im Tempel von Jerusalem geblieben war, statt mit seiner Familie den Heimweg anzutreten, spricht das reine Selbstverständnis, mit dem er seine Präsenz im Tempel für göttlich autorisiert erklärt, und gleichzeitig das kindliche Erstaunen darüber, dass offenbar nicht allen Menschen, nicht einmal seinen Eltern, diese Tatsache von vornherein klar war. "Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?" (vgl. Lukas 2:41-52). Zwei verschiedene Auffassungen über Herkunft und Identität trafen hier auf gegenseitiges Unverständnis. Aber Maria "behielt alle diese Worte in ihrem Herzen", und Jesus gab sein ganzes Leben dafür, den Menschen all das nahe zu bringen, was für ihn als Gottes Sohn natürlich war.
Paulus bezeichnete die ersten christlichen Gemeinden in seinen Briefen auch als "Leib Christi". Jesus Christus selbst hatte Tempel und Leib als Synonyme verwendet. Als letztes Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Tempel zerriss während der Kreuzigung der Vorhang, der das Allerheiligste vor dem Zutritt abschirmte. Es blieb seinen Nachfolgern überlassen, den Sinn der Zeichen- und Symbolsprache zu verstehen. Für die Jünger besaß sie eine Macht, die sie befähigte, Jesu Christi Werke auch zu tun.
Die Heilungen und Wunder der frühchristlichen Zeit erklärte erstmals Mary Baker Eddy (1821-1910) in Amerika nicht als übernatürlich oder suggestiv, sondern als auf geistigen Gesetzen beruhend, die in sich widerspruchsfrei und zeitlos gültig sind. Langjährige Erfahrungen und Experimente, begleitet von tiefgreifenden Bibelstudien, und das Schlüsselerlebnis einer Heilung im Jahr 1866 hatten ihr ein neues Verständnis der Bibel offenbart. Sie nannte die Gesetze des metaphysischen Heilens Christian Science (die Christliche Wissenschaft) und legte sie in ihrem Hauptwerk, dem Lehrbuch Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, vollständig dar.
Einbandprägung der zweiten Auflage, der sogenannten "Arche Edition" 1878, von Wissenschaft und GesundheitVielleicht vergleichbar mit Moses, David, Salomo und anderen, die sich um eine "archetypische" Umgebung für Gottes Gesetz bemühten, suchte sie nach einem System, das ihre Lehre schützen und entfalten würde. Sie hatte die bereitwillige Aufnahme ihrer Entdeckung durch andere Kirchen erwartet, aber diese Hoffnung blieb unerfüllt.
Mary Baker Eddy hatte seit ihrem zwölften Lebensjahr der kongregationalistischen Kirche angehört und ihre Mitgliedschaft erst 1875, dem Jahr der Veröffentlichung von Wissenschaft und Gesundheit und beinahe zehn Jahre nach ihrer Entdeckung der Christlichen Wissenschaft, aufgelöst. Ihre Beziehung zu Kirche beschrieb sie folgendermaßen:
"Es war ein angeborenes Merkmal meines Wesens, eine Art Muttermal, die Kirche zu lieben; und die Kirche liebte einst mich. ... Ich habe niemals die Kirche verlassen, weder im Herzen noch in der Lehre; ich begann nur dort, wo die Kirche aufhörte."
(Botschaft an Die Mutterkirche 1902, S. 2)
1876 gründete sie zunächst die Vereinigung Christlicher Wissenschafter. Als sich im Jahre 1879 eine kleine Gruppe von Schülern um Mary Baker Eddy zu einer eigenen Kirche zusammenschloss, nannte sie sich schlicht Kirche Christi. Der Name entsprach in gewisser Weise dem Denken der frühen Christen, die ihre lokalen Kirchen als Teilhabe an einer universalen Kirche, dem Leib oder Tempel Christi, auffassten. Die Mitglieder legten als Bestimmung dieser Kirche fest, "die Worte und Werke unseres Meisters in Erinnerung zu bringen und dadurch das ursprüngliche Christentum und sein verlorengegangenes Element des Heilens wiedereinzuführen." (Handbuch Der Mutterkirche, S. 17)
Mary Baker Eddy um 1890, Longyear Museum, Chestnut Hill, mit freundlicher GenehmigungEine Kirche, deren Daseinsberechtigung von der zeitlosen Gültigkeit der Worte und Werke Jesu abhängt, muss sich auch heute noch seine Frage stellen: "Wer sagt denn ihr, dass ich sei?" (Matth. 16:15) Für die kleine Gruppe um Mary Baker Eddy blieb es nicht lange bei der Bezeichnung Kirche Christi. Wenig später wurde der Name zu Kirche Christi, Wissenschafter erweitert.
Wie der Eckstein im Tempel von Jerusalem, der Jesus Christus symbolisierte, zwei Seiten in einem Punkt verankerte, erkannte Mary Baker Eddy Christentum und Wissenschaft als zwei in Jesus Christus miteinander vereinigte Dimensionen. Der Name der Kirche war nun ein Bekenntnis zu der Schlüsselstellung, die dieses neue Verständnis von Jesus Christus einnahm. Von diesem Standpunkt aus erschloss sich Mary Baker Eddy die ganze Tragweite der Bibel mit all ihren Aussagen über die Schöpfung, über Wunder, Heilungen und Prophezeiungen als demonstrierte Wissenschaft von "Gott-mit-uns".
Die Mutterkirche in Boston 1895 (ohne den Erweiterungsbau von 1906), aus: Joseph Armstrong:
The Mother Church, Boston 1897ff.Nach einer Reorganisation im Jahre 1892 wurde Mary Baker Eddys Kirche in Die Erste Kirche Christi, Wissenschafter, in Boston, Massachusetts umbenannt. Sie ist unter diesem Namen bis heute Die Mutterkirche für Zweigkirchen in aller Welt. Um die Einzigartigkeit hervorzuheben bleibt der bestimmte Artikel im Namen allein Der Ersten Kirche Christi, Wissenschafter, in Boston, vorbehalten und wird zudem groß geschrieben.
Mary Baker Eddys Schriften sind von einem eigenen, den geistigen Sinn transparent machenden Umgang mit Sprache geprägt. Aber Sprache konnte und musste dieser neuen Religion und Wissenschaft gerecht werden, - nicht umgekehrt, denn Wissenschaft kann sich nicht fremden Standards anpassen, sondern sie diktiert ihre eigenen. Mary Baker Eddy wusste, was es sie gekostet hatte, diese Religion entgegen aller empirischen Vernunft und der allgemeinen Auffassung der Menschen zu gründen.
Jesus Christus verband seinen Auftrag, das Evangelium zu predigen und zu heilen, mit der Befähigung, "in neuen Zungen" zu reden (Markus 16:17). In ihrem Bestreben, Metaphysik in Worte zu fassen, revidierte und vertiefte Mary Baker Eddy in vielen Fällen die allgemeine Auffassung von Begriffen, so dass der "Webster", das maßgebende Nachschlagewerk für die amerikanische Sprache, unter etlichen Stichwörtern deren Definition in der Christlichen Wissenschaft wiedergibt.
Beginnt sich damit nicht Mary Baker Eddys Vision von Kirche zu verwirklichen, die das Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft vermittelt?
"Kirche. Die Struktur von WAHRHEIT und LIEBE; alles, was
auf dem göttlichen PRINZIP beruht und von ihm ausgeht.
Die Kirche ist diejenige Institution, die ihre Nützlichkeit beweist
und zeigt, dass sie das Menschengeschlecht erhebt,
das schlafende Verständnis aus materiellen Ansichten zum
Erfassen geistiger Ideen und zur Demonstration der göttlichen
Wissenschaft aufrüttelt und dadurch Teufel oder Irrtum
austreibt und die Kranken heilt."
(Mary Baker Eddy: Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 583)
Anerkennungsurkunde des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts für "Christian Science in Bayern" 1949 durch Kultusminister Alois HundhammerEnde des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten sich erste deutsche Zweigkirchen. Erste Kirche Christi, Wissenschafter, München ist seit 1923, Zweite Kirche seit 1927 als Zweig Der Mutterkirche anerkannt.
Zweigkirchen fügen ihrem Namen zur Unterscheidung eine Ordnungszahl Erste, Zweite, Dritte Kirche etc. und den Ortsnamen bei. Die ersten Zweigkirchen hatten bei der Übersetzung ihres Namens auch zwischen Wissenschafter und Wissenschaftler als Entsprechung für "Scientist" zu entscheiden. Die Frage der einheitlichen Namensgebung war Anlass für eine Konferenz deutschsprachiger Zweigkirchen, auf der man sich auf "Kirche Christi, Wissenschafter" als gleichlautenden Namensbestandteil festlegte. Heute wird diese Regelung nicht mehr einheitlich gehandhabt.
Der Begriff "Wissenschaft" hatte im Lauf der Jahrhunderte einen Bedeutungswandel von der Ganzheit aller Wissenschaft hin zur Aufteilung in spezielle Disziplinen erfahren. Damit einher ging auch der Wandel ihres Anliegens vom Erschließen des wesentlichen Seins aller Dinge hin zu einer materiellen Auffassung der Natur und dem Streben nach Beherrschung ihrer Funktionen. Mary Baker Eddy enthob die Wissenschaft aller materiellen Begleiterscheinungen und erklärte sie in Ursache und Wirkung, Prinzip und Anwendung als rein geistiger Natur. Der ideale Vertreter der Wissenschaft in diesem Sinne war Jesus Christus.
Eintrag unter "scientist" im Webster's New Collegiate DictionaryIm Deutschen hinterließ die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung etymologische Spuren. Während "Wissenschafter" ursprünglich die einzige Bezeichnung war, wurden Vertreter ihres Fachs später zuerst abwertend, dann allgemein anerkannt auch "Wissenschaftler" genannt. Mary Baker Eddy schrieb "Scientist" groß. Sie gab der Natur und dem Wesen Jesu Christi und in zweiter Linie allen, die sich dazu bekannten, einen neuen Namen, dessen Gegebenheit für den amerikanischen Sprachgebrauch im "Webster" festgehalten ist. Zweite Kirche Christi, Wissenschafter, München hat vor diesem Hintergrund ihren anfangs festgelegten Namen beibehalten.
Zweite Kirche Christi, Wissenschafter, MünchenDer Rückblick auf die jahrzehntelange Geschichte der Christlichen Wissenschaft in München erinnert an viele Heilungen, von denen manche in den Zeitschriften dieser Religion veröffentlicht wurden. Aufzeichnungen in den Kirchenarchiven berichten auch über das Verbot der Christlichen Wissenschaft zur Zeit des Dritten Reiches und über die Aktivitäten im Untergrund, denen die beiden Münchner Zweigkirchen ihre Kontinuität verdanken. Großzügige Spenden von Freunden und Mitgliedern ermöglichten schließlich die heutigen eigenen Kirchenräume. Die Geschichte der Christlichen Wissenschaft in München zeugt wie überall auf der Welt von Dankbarkeit und Liebe, von gelebtem Glauben und vorausschauender Fürsorge.
Deutsch- und englischsprachige Gottesdienste, Sonntagsschule für Kinder und Jugendliche, Mittwochabend-Zeugnisversammlungen, Leseräume für Studium und Gebet ... - sie rufen "das Himmelreich in uns" in Erinnerung und laden ein, das christlich-wissenschaftliche Heilen heute wie zu Jesu Zeiten zu praktizieren.
